08 August 2015

Paradeisisch!

Jedes Gartenjahr ist anders, das ist gemeinhin bekannt. In einem Jahr brauchst du zum Abtransport der unter dem dschungelhaften Blätterdach übersehenen Zucchini drei Mann, im nächsten Jahr baust du für die erste und einzige Ochsenherz-Tomate einen Schrein, um sie vor dem Verzehr, den du aufgrund der Einmaligkeit des Schatzes fast nicht übers Herz bringst, wieder und wieder anzubeten.

Einmal sind es die Schnecken, dann ist es der Regen, dann wieder der Spätfrost; Gründe für Ernteausfälle gibt es wie Sterne am Nachthimmel, aber als Gärtner lernt man zu verzichten und für das dankbar zu sein, was schließlich wächst.



In den ersten Jahren meines Gärtnerdaseins erntete ich von 12 verschiedenen alten Tomatensorten, die Ostösterreicher nennen sie Paradeiser, was unverkennbar vom Wort Paradies (Paradiesapfel) hergeleitet werden kann. Dann kam die Kraut- und Braunfäule in meinen Garten, um zu bleiben.

Seither wiederholt sich die traurige Geschichte mit den Paradiesern: Ich pilgere zur Arche Noah und kaufe die alten Tomatensorten, starke Pflanzerln, die reiche Ernte verheißen. Ich hege und pflege sie, obwohl ich weiß, dass sie das nur schwach werden lässt, folgt man den Lehren des Burgenländischen Paradeiserkaisers Erich Stekovics. Der Gute hat leicht lachen in seinem pannonischen Klimaparadeis - äähhm paradies. Dort kann man die Tomaten einfach links liegen lassen und gut ist.
 
Zurück zu mir: Ende Juli hüpft mein Herz, wenn die Tomaten (ich bin Oberösterreicherin und anscheinend waren wir den Bayern immer schon näher als den Niederösterreichern, deshalb mundet mir das Wort Tomaten mehr als das Wort Paradeiser), also Ende Juli hüpft mein Herz, wenn die Tomaten beginnen, zu erröten und in einer scheinbar nie dagewesenen Fülle die Stäbe niederdrücken. Ochsenherz, zwar noch grün, aber so riesig, dass du zwei Hände brauchst, um eine davon zu umfassen, San Marzano, so üppig, dass du die in Flaschen abgefüllte Pasta-Sauce förmlich greifen kannst. Ein Traum - die Verheißung des Paradieses!

Und dann - dann kommt der August. Und mit dem August kommt der Regen. Und mit dem Regen die Kraut- und Braunfäule. Die Früchte werden bei grünem Leib braun, die gesamten Tomatenstöcke stinken so elend, dass du die Handschuhe nach dem Ausreißen der Sträucher gleich mit entsorgen möchtest. Es folgt der letzte Weg in die Abfalltonne. Gesetzten Schrittes begleitest du die aus dem Leben Gerissenen zur vorletzten Ruhestätte. Im Takt zu Chopin's Trauermarsch aus der Klaviersonate Nr. 2 b-Moll. Und weil der Geruch bald unerträglich wird, lege ich einen Zahn zu, jetzt von Vivaldis Gloria angefeuert. So. Deckel druff und für alle Zeiten zu!

Kaum sind die Gewesenen in der Tonne, schwöre ich bei allem, was mir heilig ist, dass ich das nächstes Jahr nicht durchmachen werde. Nie im Leben wieder dieser Aufwand, diese Vorfreude und der schmerzliche Abschied.

Das alte Jahr vergeht und mit ihm der Schmerz über das verlorene Paradeis. Doch es kommt der nächste Frühling und da steht die Nachbarin oder die Schwiegermutter mit den Pflänzchen (ganz bewusst habe ich nicht ausgesät oder gekauft und sicherheitshalber auch keinen Platz im Gartl reserviert) und ich kann die süße Melodie von Mozarts Agnus Dei hören, während meine Hände ohne mein bewusstes Zutun hoffnungsvoll die Jungpflanzerl ergreifen, wie in Trance unter dem Eindruck der Symbolik von Gottes Lamm. Die Wiederauferstehung des Paradiesapfels im Gartl!

Und wieder reifen die ersten Tomaten, vielversprechend, die süße Melodie sendend: O mio Babbino caro! Und wenn sie in diesem Jahr nicht wachsen, laufe ich zum Ponte Vecchio und stürze ich mich in den Arno, oder in die Donau, welche näher läge. Gänsehaut pur. Das Paradies zum Greifen nah im Gartl - allerdings mit einem unterbewussten Schaudern, weil das Unausweichliche doch kommen wird.

Doch im Sommer 2015 ist tatsächlich alles anders: Die selbst ausgesäten Tomaten, verwöhnt mit Mikroorganismen-angereichertem Regenwasser, dazu noch Krautfäule-resistente Sorten, gedeihen prächtig! Vom Virus Phytophthora infestans keine Spur. Ja, ich höre es doch, Amadeus: Laudate dominum!!!


2x Fantasio: Eine F1-Hybride, aber was soll's. Schönes Rot. Zum Anbeißen!


Wildtomate Golden Currant: Um einiges größer als Ribisel  oder Johannisbeeren, gibt Unmengen an Früchten.

Bauerntomate Resi: Größere Cocktailtomate, schon beinah 2m hoch, ist aber sehr verzweigt, was zu übermäßiger Selbstbeschattung führt. Eigentlich habe ich die Samen nur wegen des Namens gekauft und weil sie als resistent angepriesen wurden. Anscheinend spätere Reife. Eine konnte ich schon kosten -wirklich paradeisisch der Geschmack....



Kommentare:

  1. Hallo....grüße dich !
    Bin gerne wieder mal hier gewesen...die Neugierde lässt mich einfach nicht los. Du hast so tolle Ideen in deinem Blog...ich mag das.

    Bis bald mal wieder ...LG

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    1. Freut mich, Erwin, danke dir!

      Paradeisische Grüße,
      Christiane

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